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Interviews |
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Die Seele des Auges
Eine Konversation aus dem Jahr 1991
zwischen Prinzessin Udrub von Zubi (UvZ)
Direktorin des Museums für Postmoderne Kunst,
in Benares, Indien
und Mati Klarwein (MK)
UvZ: Deine jüngsten Produktionen und überhaupt deine Gemälde generell
haben ein wenig mit dem Projekt des Modernismus zu tun, ebenso wie mit dem, was in seiner
besten Formulierung Postmodernismus genannt wird. Würdest du soweit gehen und dich selber auch als postmodern bezeichnen?
MK: Ich würde nur soweit gehen, mich selbst als Post-Briefkasten zu bezeichnen;
in dem Sinne, daß ich lese, auswähle und wieder aufarbeite. Jedes Bit von
Information, der in einem meiner 'Mail-' und 'Female'-Kästen schlüpft.
Wenn das postmodern ist, dann soll es so sein.
UvZ: Ah! Hier berühren wir das Herz des Problems: Alles was du tust und sagst,
erscheint so, als würde es einen eigentümlichen und dubiosen Hauch annehmen, es wirkt zwiespältig.
MK: Inwiefern zwiespältig?
UvZ: Zwiespältig in Bezug auf Selbstzerstörung. Du willst jedem seine Ideale untergraben
und endest damit, deine eigenen Untergrabungen zu untergraben. Zwiespältig, denn ich
weiß nicht, wie ich deine Arbeiten deuten soll. Ich finde, du bist ein schmieriger
Künstler. Ein problematischer Schluckauf in der kulturellen Verdauung. Manchmal
erscheint es, als wäre deine Strategie klarerweise die eines "Hohe Kunst"
Konzeptualisten, arbeitend mit ästhetisch unakzeptablen... (Pause) in der Richtung von
Künstlern wie Milan Kunc, Jeff Koons, Robert Williams und Doukoupil, zum Beispiel.
MK: Und ein anderes Mal?
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Lovers Leap Mati Klarwein 1985 |
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UvZ: All diese Philosophie von Maximalismus, dieser penible primitive
Realismus in deinen Werken und den quasi mystisch, metaphysisch und kitschig
symbolischen Szenen. Deine Darstellung läßt dich als einen perfekten
Raum-Zeit Kadetten mit kommerziellem Unterton daherkommen, der versucht, jedem
gleich zu gefallen. Weder macht es mich neugierig, noch kann ich meinen Finger dorthin tun.
MK: Dann probier doch mal deinen Schwanz dorthin zu tun.
UvZ: Ach, komm schon! Mein Schwanz ist nicht an Kunst interessiert!
MK: Meiner schon. Es gibt da Bilder, die können mich erregen, wie z.B. Ingres
"Türkisches Bad", vor allen Dingen als ich noch Teenager war. Und
einige meiner frühen Arbeiten sind eklatant wollüstig...
UvZ: Ja, aber meistens als ein subversives Element, nicht so sehr als ein verführendes...
MK: Ich schließe keine Verführung aus.
UvZ: Ja, ich weiß, daß du gar nichts ausschließt. Dies
ist ein Teil deiner Taktiken, wofür?
MK: Permanente Revolution, Freiheit oder wie John Cage es nannte:
"Um den Vogel aus seinem Käfig zu lassen:"
UvZ: Aber all diese "Freiheit" wird uns doch nur in eine weitere ideologische
Krise lenken, in die von Geistern ohne Vorbilder und ohne standhafte
philosophische Fundamente. Zweifler am Wert der Kreativität. Flirten
mit dem Unsicheren und der Kurzlebigkeit ein Anreiz zum dekadenten, schäbigen
handwerklichen Können. Ohne ein System von Prinzipien wird ein rundherum
mystisch schwaches Denken kreiert, wie eine Art ironische Parallele zu einem schwachen
Kräfte-Element in der Physik, wie mit deinen eklig kitschigen "Improved paintings" (Verbesserte Gemälde)!
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Yoga of Anger Mati Klarwein 1986 |
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MK: Warte mal! Ab jetzt solltest du wissen, daß Kreativität keine Formeln
hat und auf Vielseitigkeit gedeiht. Die kreative Geste im Duchampschen Sinn hat zu sein,
per se, ein krimineller Akt. Es hat zu zerstören im Auftrag, wiederzuerschaffen.
Meine philosophischen Wurzeln und Fundamente sind standhaft gepflanzt im DADA, ZEN und
Taoismus. Sie haben das Anliegen, einen flexiblen Geist aufrechtzuerhalten. Konstantes
Wiedergebären. Das ist es, worum es im Modernismus geht; das Wiedergebären
unserer Kindheitsunschuld. Selbst Christus war absolut fordernd in diesem Punkt.
UvZ: Ja, aber was die Kunst betrifft, waren wir da schon durch, in den letzten 90 Jahren!
Und jetzt mit der freien Marktwirtschaft und dem harten Kapitalismus und Konsum...
MK: Halten wir die Weltpolitik da raus. Egal wie alles miteinander verbunden ist, wir
müssen es riskieren, "den Vogel aus dem Käfig zu lassen", um vielleicht in ein
noch größeres Labyrinth überzugleiten, mit verlogenen gierigen
Demokraten und fanatischen Fundamentalisten.
UvZ: Ich denke, es ist Zeit für ein neugeregeltes, strenges, stoisches
Denken. Einige deiner Bilder scheinen auf so eine Richtung hinzuweisen, besonders
deine fundamentalistischen Landschaften.
MK: Ich versteh' das nicht. Einen Moment lang beschuldigst du mich zynischer
Frivolitäten, im nächsten redest du über meine strengen und konservativen Einstellungen.
UvZ: Das ist es, was ich meine, mit dem, daß ich meinen Finger dort nicht
hin tun kann und deine Antwort ist dann diese "tue deinen Schwanz dahin"-Bemerkung.
Ich schlage vor, wir versuchen es irgendwie auf die Reihe zu kriegen.
MK: Viel Glück!
UvZ: Ich probiere nur, dir zu helfen, deine Nische in der komplexen
DNA-Struktur der Weltkultur zu finden...
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Camouflage Mati Klarwein 1987 |
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MK: Das ist doch ganz einfach! Es ist die "ich bin was ich bin" Nische.
UvZ: Sicher, sicher! Wir können jetzt hier aufhören, zum Strand gehen und den Wellen zusehen, wenn du willst.
MK: Es ist zu stürmisch draußen. Laß uns deshalb fortfahren.
UvZ: Beginnen wir mit dem Fakt, daß die Mainstream Tradition der westlichen
Kultur, die mit Plato begann, sich auf universelle und unveränderliche
Kriterien der Qualität stüzt; das gilt für alle Zeiten und Orte. Plato nannte es "das Auge der Seele."
MK: Und ich nenne es "die Seele des Auges".
UvZ: Und Kant nannte es die Kraft des Urteils, oder des Geschmacks.
MK: Schön! Das ist die Seele des Auges, nicht wahr?
UvZ: Nicht ganz. Geschmack beinhaltet eine spezielle klare
Fähigkeit die platonischen Universen wahrzunehmen.
MK: Du meinst guter Geschmack?
UvZ: Selbstverständlich!
MK: Erinnere dich an den Spruch: "Ästhetik ist für den Künstler, was Vogelkunde für den Vogel ist."
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