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Über Klarweins Kunst |
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Saint John Serie von fünf Bildern 1963, 50 x 50 cm |
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Den Sinnen lauschen
Was an einem Gemälde ist es, das den Ausschlag gibt, ob es innerhalb oder außerhalb
des Normalen steht? Mit den Bildern ist es, wie mit den Kulturen; wir gestehen ihnen ihre
Fremdartigkeit zu, wenn wir in das Wesen ihrer Entstehung eindringen, d.h. unseren Sinnen erlauben,
ihnen zu lauschen. Wenn die Sprache der Poeten aus lebendigen Metaphern besteht, dann dort, wo
sie Beziehungen
ausdrücken, die noch nicht in dem Ausmaß begriffen werden und deren Warnehmung verewigt.
"Die Sinne und persönliche,
subjektive Erklärungen provozieren.
Ich habe Symbole und esoterische Schriften benutzt,
um genau daran zu erinnern,
daß man in jedem Motiv des Bildes, das man betrachtet,
einen nicht wörtlichen Sinn finden kann.
Es ist nicht nur eine Mauer mit Mosaiken,
sondern auch etwas Anderes,
das man noch nicht kennt."
M. Klarwein
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Saint John Serie von fünf Bildern 1963, 50 x 50 cm |
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Die Bilder von Mati Klarwein wollen dem Betrachter nicht einen neuen unveränderbaren
Rahmen vorgeben, eher eine Orientierungsrichtung. Nicht das Wirkliche im Wortlaut vorgegebener,
etablierter Definitionen analysieren, sondern in der Wirkung des Bildes, die mit seiner Entstehung
verbundenen Vermischung verankern. Man schaut zuerst, dann weiß man. An die Stelle
von Kräftebeziehungen traten Kraftlinien, an die Stelle von Besitz das Praktizieren von
Besitz, an die Stelle von gesellschaftlichen Angleichungen die farblichen Schichten.
Das Englische und die analogen Idiome verleihen uns, an das Universum wie an eine Sammlung
von - entsprechend den Worten - relativ unterschiedlichen Gegenständen und Ereignissen zu denken.
Implizite Vorstellungen in der klassischen Physik und Astronomie, nach denen das Universum im Prinzip
ein bloßes Nebeneinander einzelner verschieden großer Gegenstände ist. Die
eigentliche Frage ist, was die verschiedenen Sprachen nicht aus diesen künstlich voneinander
getrennten Gegenständen machen, sondern aus der Dynamik einer in ewiger Bewegung befindlicher
Natur, in der Formen und Farben sich immerwährend ändern.
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Saint John Serie von fünf Bildern 1963, 50 x 50 cm |
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Die Gemälde von Mati Klarwein sind nahe an der Auffassung von der Welt der
Hopis: zu subtil und komplex, um zu wissen, wann ein Ereignis zu Ende ist und wann das nächste
beginnt. Durch den Gebrauch freier Assoziationen und aufeinanderfolgender Transparenzen, überlagerter
Helldunkel-Flächen haben sie teil an einem allgemeinen Übersetzungsphänomen.
Tatsächlich muß das abendländische Genie neue Dinge erfinden, wissenschaftliche, kulturelle,
technische, den Körper in seiner Wahrnehmungsfähigkeit erweitern - experimentelles Kino -
Bahnen entdecken, die ebenso unsinnig sind, wie die Stille zwischen zwei Sätzen, Raum und
Zeit beschleunigen, damit sie sich an die
Phantasie anpassen, wenn die in sich geschlossenen wissenschaftlichen Logiken, die soziologische
Umgestaltung verzerrt wäre, sich einen bunten und reichhaltigen Fächer von Übertragungen
öffnen - physikalischen, elektrischen, chemischen, psychologischen, linguistischen - um sich
schließlich dem als akstatisch bezeichneten Phänomen und den Kulturen, die sie prägen,
zu nähern und zu verschmelzen. Eben dies ist in den Bildern von Mati Klarwein dargestellt.
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Saint John Serie von fünf Bildern 1963, 50 x 50 cm |
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Die lebendigen Objekte präsentieren sich, wie Schauspieler auf
einer Bühne, die man ihnen bereitet. Es ist eine Bühne, die allen lebenden Wesen gemeinsam ist,
aber sie erscheint jeder Art, wie auch jedem Einzelnen, verschieden.
"Das ist, als ob wir beim Betrachten einer Mauer,
die ganz mit zart gezeichneten Bildern bedeckt ist,
entdecken würden, daß diese Zeichnungen ein anderes,
ganz genauso zartes Motiv aus kleinen Blumen verdecken,
und als ob dann, in dem Moment,
wo wir dieses wahrnehmen, wir bemerken,
daß eine Unzahl leerer Flächen in diesem Blumenschmuck
eine weitere spiralähnliche Struktur bilden,
daß bestimmt Gruppen von Spiralen Buchstaben bilden,
daß die Buchstaben, wenn sie mit bestimmten Intervallen
gelesen werden, Wörter bilden,
daß die Wörter in Reihen angeordnet sind,
welche Entitäten verzeichnen und einordnen,
und so fort, von Struktur zu Struktur,
bis wir schließlich entdecken,
daß diese Mauer ein großes Buch der Weisheit ist."
nach B. L. Whorf
Dieses Wirkliche, soweit es Farbe ist, Exotik, von der die romantischen Mahler zehren, von denen man oft
vergißt, daß die Romantik die Emanzipation der Linie und der Farbe in der zeitgenössischen
Malerei ankündigte, erfüllt Mati Klarwein mit einem religiösen Gefühl, ohne daß
er sich dahin auflösen möchte, dessen Wesen anders als in einem priviligierten Blick zu erkennen,
rein auf die Oberfläche, wohl wissend, das diese Oberfläche ein Auge ist und das Auge ein Lift.
/Poe: Das Auge bewegt sich wie ein seltsamer Ballon zur Unendlichkeit / Eureka / Geschichte von dem
Eingeborenen, der ein magisches Erlebnis in New York rein im Funktionieren eines Liftes sah, dieser
Ort, an dem sich die Türen nur zu Stockwerken und vielfältigen Örtlichkeiten hin öffnen.
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Sophi Klarwein mit Salvador Dali |
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Wenn sich daher die Betrachtung weniger nach einer Sache selbst als nach der Art
richtet, wie sie erscheint, muß man berücksichtigen, daß die Erscheinung von diesem
unsichtbaren Ort abhängt, wo das Bild entsteht, diese Poetik des Raums, von der Bachelard spricht,
wodurch die dinge unvermeindlich verwandelt wiederkehren. Ebenso darf auch die Kollage bei Mati Klarwein
niemals in ihrem Wortsinn gesehen werden, denn in der Aneignung des Bildes drehen sich die Richtungen, die
Gesten, die Blicke, die Zusammenhänge um. Und wenn man hier eine Geschichte erwartet, wird man ihren
Kern weniger an eine mythologische Darstellung geknüpft finden, Material für ewig neue
Definitionen - de facto - den
wiederholten Attacken durch Paradoxien ausgeliefert, als an etwas, das er selbst die zeichnerische
Vernunft nennt, deren Begriff in einer syntaktischen Neuverteilung gefaßt werden kann:
Nach Charles Henry ist Form eine geistige Abstraktion, die durch Linien visuell dargestellt wird,
und Linien sind eine visuelle Abstraktion, die innerlich empfundene Richtungen darstellt. Die
Wirklichkeit ist nichts anderes als diese Richtungen, die als physische Impulse erlebt werden -
Stimmungen, Gefühle und Gedanken.
Diese zeichnerische Vernunft, die für die Architektonik der Materialien gilt und sich auf die
Fortentwicklung der Farbschichten in einer Heterogenität bezieht, in der die
abstrakte Komposition der narrativen Erfindung als Vorbild dienen kann, bringt in der
Malerei von Mati Klarwein diese Verwandlung des Satzes hervor, die die Natur wieder in Stücke teilt,
um die Teile zu erhalten, die in diesen Sätzen enthalten sind.
Alain Pommarede
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